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Festakt zum
zehnjährigen KAMO-Bestehen

Das KAMO: Karlsruhe Mobility Leistungszentrum feierte mit etwa 180 geladenen Gästen am 16. März im Karlsruher IHK-Gebäude sein 10-jähriges Bestehen mit einem Festakt. Exponate im Foyer spiegelten die Bandbreite des Themas wider: mobi.mapr (BWIM) zeigte seinen Qualitätsindex für die Mobilität in Deutschland auf Großmonitoren, das Karlsruher Institut für Technologie KIT präsentierte sein Güterlogistik-Projekt in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn, und ein Motor-Getriebe-Schnittmodell bediente die Forschung an der Hardware der Antriebssysteme.

Peter Vortisch, einer der beiden KAMO-Sprecher und Professor für Verkehrswesen am KIT, führte in seiner Begrüßung mit den Worten „Wenn man ein Jubiläum feiert, muss es ja irgendwann mit irgendwas angefangen haben“ den ersten Grußwortredner ein: Seinen Vorgänger als KAMO-Sprecher, Frank Gauterin, KIT-Professor für Fahrzeugsystemtechnik i. R., und Mobilitätsnetzwerker der ersten Stunde. Gauterin rief die Karlsruher Mobilitätspioniere Karl Drais und Carl Benz in Erinnerung und zitierte Friedrich Schiller: „Wir könnten viel, wenn wir zusammen stünden.“ Mit diesem Gedanken begann vor 13 Jahren die Karlsruher Vernetzung als Profilstandort Effiziente Mobilität, gefördert von Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium. Gauterin überflog die KAMO-Geschichte, würdigte den Deutschen Mobilitätspreis 2023 für KAMO und konstatierte schließlich: „Wir feiern heute, weil die Zusammenarbeit aktiver ist als je zuvor.“

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Das nächste Grußwort sprach Fraunhofer-Präsident Holger Hanselka als Videobotschaft. Seine Verpflichtungen an anderem Ort nahm er zum humorigen Anlass, „gleichzeitig an zwei oder drei Stellen zu sein“ als wahrscheinlich unlösbare Herausforderung der Mobilitätsforschung zu postulieren. Allerdings: „Zukunftsweisende Mobilität ist ein Systemthema. Es geht nur zusammen, alleine geht hier gar nichts“, befand Hanselka. Das KAMO-Netzwerk vereine unterschiedliche Kompetenzen unter einem Dach und bringe Erkenntnisse direkt in die Praxis. „Dass das Ökosystem heute noch so besteht, zeigt, wie gut die Idee damals war“, folgerte Hanselka, wies auf die Industrieinvestitionen der zurückliegenden Jahre hin und dankte unter anderem dem Land Baden-Württemberg für dessen Beitrag, „dieses Netzwerk prosperieren zu lassen“.

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Bernd Veselke, Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Zerstörungsfreie Prüfverfahren IZFP und Vorsitzender der Fraunhofer-Allianz Verkehr stimmte in den Dank und die Glückwünsche für die „Erfolgsgeschichte des KAMO“ ein. Das Leistungszentrum setze über die Schnittmengeninstitute wertvolle Impulse in der Verkehrsallianz und bediene die drei Kernfelder der Mobilitätsforschung, namentlich Digitalisierung, Umweltfragen und soziale Themen. „Das sind Aufgaben, die uns alle in unserer Gesellschaft wirklich voranbringen.“ Veselke lobte ferner die organisatorische Idee des KAMO mit einer Doppelspitze aus KIT und Fraunhofer-Gesellschaft, die sich auch in der Geschäftsstelle widerspiegele; dies sei ein „Vorzeigebereich für die Zusammenarbeit unterschiedlicher Forschungsinstitutionen“.

Als nächste Rednerin trat Ina Schäfer, Vice Provost Forschung am KIT ans Rednerpult: 10 Jahre seien einerseits viel, andererseits aber auch kurz, weil man vieles noch vor sich habe, beispielsweise die Arbeit an intelligenten Infrastrukturen: „Wir brauchen mehr Software, auch in der Mobilität: Software-definierte Infrastruktur, Fahrzeuge und Mobilität!“ In solchen Punkten zeigten sich die Stärken des KAMO-Netzwerks: „Es wird nicht nur ‚Man müsste mal …‘ gesagt, sondern auch ausprobiert.“ Transfer werde konkret gedacht und gelebt, neue Technologien entwickelt und erprobt, hob sie hervor: „Forschung findet nicht nur im Labor statt, Wissen wird nicht nur auf Papier geschrieben und vergessen, sondern in die Gesellschaft gebracht.“ Hier zeige sich starke wissenschaftliche Expertise und enge Zusammenarbeit mit Partnern.

„Karlsruhe ist nicht nur eine geografische Koordinate, Karlsruhe gibt uns auch einen Rahmen“, sagte Vortisch in der Anmoderation des folgenden Grußworts. Der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup habe sich bei seiner Bundestagsfraktion erfolgreich dafür eingesetzt, das Deutsche Zentrum für die Mobilität der Zukunft (DZM) in seiner Stadt anzusiedeln. Für die Stadtverwaltung trat Umweltbürgermeisterin Bettina Lisbach in Vertretung des verhinderten OB ans Pult: „KAMO bringt die großen Stärken unserer Region zusammen: exzellente Forschung, innovative Unternehmen sowie starke Partner aus Wissenschaft und Praxis“, sagte sie. Genau diese Verbindung mache den Standort zu etwas Besonderem: Mobilität werde nicht nur gedacht und gelebt, sondern auch praktisch gestaltet von neuen Technologien über intelligente Verkehrssysteme bis hin zu nachhaltigen Mobilitätskonzepten. „Darauf sind wir in Karlsruhe ein bisschen stolz!“, sagte Lisbach. Wissen zu teilen, Innovationen voranzubringen, die Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Verkehrsverbund KVV – all dies trage dazu bei, Mobilität zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Das aktuelle KAMO-Leuchtturmprojekt C2CBridge sei wichtig, denn es suche nach Lösungen für den ländlichen Raum, der sich in Sachen ÖPNV oft etwas „abgehängt“ fühle. „Das macht dort die Diskussion um eine nachhaltigen Mobilitätsgestaltung oft schwierig“, erkannte Lisbach: Umso dringender sei hier eine attraktive Erweiterung des Angebots. Gleichzeitig stelle sich – auch in Karlsruhe – die Frage, wie der ÖPNV für Kommunen und Kreise finanzierbar bleiben könne. „Vielleicht hilft uns KAMO dabei, auch hierfür gute Lösungsansätze zu entwickeln.“

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Marius Zöllner, Vorstand des Forschungszentrums Informatik FZI und Sprecher des Testfelds für autonomes Fahren Baden-Württemberg stellte einen weiteren Aspekt heraus: „Wir müssen Strukturen aufbauen, um unsere Zukunft – und dazu gehört auch die Mobilität der Zukunft – souverän gestalten zu können.“ Er wünschte sich mehr Geschwindigkeit in der Forschung, sodass schnell Mehrwerte für Staat, Unternehmen, sowie für Bürgerinnen und Bürger entstehen können.

Den Reigen der Grußworte beendete die Rektorin der Hochschule Karlsruhe (HKA), Rose Marie Beck. Sie begann mit einer sanften Spitze gegen alle, die Mobilität als „eine zentrale Herausforderung unserer Zeit“ bezeichnen: „Mobilität ist immer eine zentrale Herausforderung, egal zu welcher Zeit!“, stellte sie dem entgegen. Das sei schon so gewesen, als Christopher Kolumbus sich nach Amerika verfahren habe, und heute nicht anders, wenn die Straße von Hormus keine Mobilität zulässt. „KAMO adressiert die spezifischen Themen der Zeit, gestaltet die Mobilität von morgen interdisziplinär, anwendungsnah und immer mit Blick auf die Bedürfnisse der Menschen“, lobte Beck. Das aktuelle Leuchtturmprojekt C2CBridge arbeite der Wende zu, „von der wir alle wissen, dass sie kommen muss – aber keiner weiß, wie“. Die Stärke des Netzwerks liege darin, Mobilität in ihrer ganzen thematischen Breite zu denken. Die HKA habe beispielsweise eine Stiftungsprofessur der Bundesregierung bekommen, die einen Schwerpunkt auf sozialwissenschaftliche Mobilitätsforschung legt. „Wir teilen Infrastrukturen und schaffen Forschungsumgebungen, die keine einzelne Forschungsinstitution alleine bereitstellen könnte“, lobte Beck. KAMOs Erfolg beruhe auf dem Vertrauen in verlässliche Partnerschaften und auf der Überzeugung, dass Mobilitätsforschung nur interdisziplinär erfolgreich sein kann.

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„Ich würde vermuten, dass Sie sich jetzt ausreichend begrüßt fühlen“, moderierte Vortisch weiter und erntete zustimmendes Gelächter. Sein Co-Sprecher des KAMO-Mobilitätszentrums und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie ICT, Frank Henning, bat daraufhin fünf Vertreter der KAMO-Industriepartner in eine Podiumsdiskussion zum Thema „Konzepte, Werkstoffe und Technologien für die Mobilität der Zukunft“: Ralf Frisch (Principal Business Development Manager PTV Group), Jürgen Geschner (CCO init SE), Michael Ruprecht (Leiter Mobilitätssysteme e-mobil BW GmbH), Thiemo Erb (Fachreferent Motorsport Leichtbau, Dr.-Ing. h. c. F. Porsche AG) und Henrik Gommel (Geschäftsführer GOTECH Fahrzeugentwicklungs- und Konstruktionsgesellschaft mbH).

Einig war das Panel sich darin, dass die Zukunft der Mobilität längst begonnen hat. Jürgen Greschner brachte es auf den Punkt: „Das autonome Fahren kommt nicht – es ist schon da.“ Robo-Taxis seien in China bereits gang und gäbe, Shuttles seien der nächste Schritt. Die Skalierung auf autonome 80-Personen-Busse verlange allerdings noch Fortschritte in der Interaktion der Passagiere mit dem Fahrzeug. „Diesem Feld sollten wir uns gemeinsam als deutsche Industrie widmen“, warb er. „Das macht bisher noch keiner.“

Michael Ruprecht attestierte autonomem ÖPNV großes Potenzial, gab aber zu bedenken, dass er das Stadt-Land-Gefälle zunächst nicht lösen werde:„Der Technologiereifegrad beim autonomen Fahren suggeriert vor allem durch die Robotaxis in China und den USA ein marktfähiges Produkt, jedoch fehlen weiterhin europäische Technologieanbieter und betriebswirtschaftliche Geschäftsmodelle für autonome Fahrzeuge im ÖPNV. Die Robo-Taxis werden nicht als erstes zwischen Karlsruhe, Pforzheim und Schwarzwald fahren, sondern in Karlsruhe zwischen Campus, Hauptbahnhof und Schloss.“ Er setzte außerdem große Hoffnungen in KI und große, intermodale Plattformen, die eine Wegstrecke über mehrere Verkehrsmittel am Stück abbilden, idealerweise inklusive Buchung und Bezahlung – „ohne 38 Apps in der Hosentasche“.

Ralf Frisch brachte die Expertise seines Arbeitsgebers ins Spiel, Städte und das Verhalten der Menschen darin als digitalen Zwilling zu implementieren, um Strukturverschiebungen, aber auch neue Angebote von On-demand-Verkehren zu erforschen. Immer wieder stieß die Runde an Punkte, in denen Lücken beispielsweise in der Verfügbarkeit verkehrsrelevanter Daten Thema wurden. Und regelmäßig lautete der gemeinsame Nenner „Wir müssen das gemeinsam tun. Konkurrenzdenken hilft nicht“, wie Geschner es formulierte. Frisch warf dazu ein, die Datenmenge und die Datenverfügbarkeit würden stetig besser. Es sei also durchaus denkbar, dass die Navigationssoftware angesichts eines Innenstadt-Staus einen P+R-Platz und eine ÖPNV-Verbindung zum einprogrammierten Ziel vorschlagen könnte.

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Henrik Gommel brachte einen verwandten Aspekt ins Spiel: Die nachwachsende Generation der Digital Natives verlange eine ganz andere Interaktion mit dem Fahrzeug, wobei das Smartphone als Schnittstelle diene. Es sei wichtig, neue Kunden früh in die Entwicklung neuer Fahrzeuge zu integrieren und ihre Wünsche zu berücksichtigen.

Mehr als einmal beschwor das Panel-Quintett die Stärke der Gemeinsamkeit und deren Bedeutung für die regionale Wirtschaft. „Man sieht, wie sich die Menschen hier im Raum kennen und einander vertrauen“, beobachtete Ruprecht abschließend.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion ging der Abend in unmoderiertes, gleichwohl angeregtes Netzwerken zwischen Schnittchen und Schaustücken über.